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Helfen Ziele wirklich?

17. Juni 2009

in Erfolg

In den letzten Tagen habe ich meine Ziele überarbeitet, schliesslich ist ja die Hälfte von 2009 auch schon vorbei. Ausserdem habe ich ein paar Bücher über das Thema “Ziele setzen” gelesen und weiteres Material zusammen getragen. In der nächsten Konferenz von meinem Webinar “einfach produktiv” geht es nämlich auch um dieses Thema und da wollte ich mich wieder darauf einstimmen.

In vielen Klassikern (z.B. bei Brian Tracy, Zig Ziglar oder bei Tony Robbins) wird eine bestimmte Untersuchung zitiert, nämlich die Untersuchung an der Universität in Yale aus dem Jahr 1953 zum Thema Zielerreichung.

Damals wurden alle Studienabgänger danach gefragt, ob Sie sich Ziele gesetzt hätten. 3% der Abgänger hatten demnach tatsächlich schriftliche Ziele festgelegt. Nach 20 Jahren wurde dieser Jahrgang wieder befragt, und es wurde festgestellt, dass diese 3% ein grösseres Vermögen besassen, als die restlichen 97% zusammen! Damit war der Beweis erbracht, dass schriftliche Ziele helfen, erfolgreich zu sein. Dachte man zumindest.

Eine schöne Untersuchung, die ich natürlich auch zitieren wollte. Sie hat allerdings einen winzigen Schönheitsfehler: Sie wurde gar nie durchgeführt! Es gibt keinerlei Information über die ursprüngliche Studie, nicht einmal in Yale selber. Eine klassische urban legend.

Schade, denn die Untersuchung hätte so schön gepasst. Ich habe dann weiter gelesen und gesucht und bin auf eine andere Untersuchung gestossen, dieses Mal sogar von der Harvard-Universität. Alles genau gleich: Jahrgang 1979 wurde gefragt, 3% hatten Ziele, nach 10 Jahren hatten diese mehr verdient als die anderen 97%. Natürlich hat mich das stutzig gemacht, denn ausser der Universität und das Jahr stimmte alles zu genau. Auch diese Untersuchung hat die Runde in den Büchern zur persönlichen Entwicklung gemacht (z.B. bei Lothar Seiwert) und – leider, leider – auch diese Untersuchung wurde nie durchgeführt.

Was für eine Enttäuschung! Da will man belegen, dass schriftlich formulierte Ziele tatsächlich zum Erfolg beitragen – man hat es ja schliesslich selber erfahren -, aber alle Belege erweisen sich als Trugschluss. Doch halt, einen Beleg gibt es eben doch.

Gail Matthews von der Dominican University of California war genauso enttäuscht wie ich und hat deshalb kurzerhand selber eine Untersuchung gemacht. Sie hat zwar keine langfristigen Ergebnisse wie die angeblichen Untersuchungen aus Yale und Harvard, doch sie konnte folgendes nachweisen:

  1. Ziele werden eher erreicht, wenn Rechenschaft über die Fortschritte abgelegt wird (z.B. gegenüber einem Freund).
  2. Wer sich öffentlich zu einem Ziel verpflichtet, erreicht es eher.
  3. Schriftliche Ziele werden eher erreicht.

Gail Matthews konnte also den positiven Effekt der drei klassischen Instrumente der Zielerreichung nachweisen: Rechenschaft ablegen, öffentliche Verpflichtung und Schriftlichkeit.

Sie glauben mir nicht? Würde ich auch nicht, nachdem was ich bisher geschrieben habe. Lesen Sie aber selber die Zusammenfassung der Studie und besuchen Sie die Seite von Gail Matthews.

Die Untersuchung kommt zwar nicht aus Yale oder Harvard, sondern “nur” von der Dominican University, aber dafür wurde sie tatsächlich durchgeführt und zeigt die positiven Ergebnisse. Sehr beruhigend für alle Produktivitäts- und Erfolgstrainer.

Und die Moral von der Geschichte?

  • Wo Harvard drauf steht, ist nicht immer Harvard drin.
  • Glauben Sie nicht jedem Experten.
  • Schon vor dem Internet wurden Inhalte gefälscht.
  • Ziele helfen eben doch. :-)

Foto von JMC Photos

[Zu diesem Artikel hat mich übrigens ein Blogartikel von Sid Savara inspiriert. Dort habe ich auch den Link auf die Studie von Gail Matthews gefunden. IB, 18.06.2009]


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{ 8 Kommentare… lesen Sie unten oder schreiben Sie selbst einen }

1 Peter Arndt 17. Juni 2009 um 17:25

Wenn ich es mir so recht überlege …

Auch ich habe diese Studie (Harvard) schon zitiert.

Hmmm …

Viele Grüße aus dem Schwabenland

Peter Arndt

2 Gitte Härter 17. Juni 2009 um 17:52

Hallo Herr Blatter,

interessant. Da fällt mir noch ein: Es gibt auch Untersuchungen (Belege??), wonach Existenzgründer mit Businessplan erfolgreicher sind/mehr durchhalten als solche ohne.

Kann ich mir schon vorstellen!

Viele Grüße
Gitte Härter

3 Ivan Blatter 18. Juni 2009 um 07:22

@Peter: Tja, wenn es sogar Brian Tracy, Tony Robbins und Lothar Seiwert passiert ist, dann darf es Dir auch passieren. :-)

@Gitte Härter: Kann ich mir auch vorstellen, kenne aber leider keine solche Untersuchung.

4 Volker Remy 22. Juni 2009 um 12:57

Guten Tag Herr Blatter,

Ziele sind m. E. Orientierungen, das scheint mir ihre hauptsächliche Funktion zu sein. Was die von Ihnen zitierte Langzeitstudie (ohne Nachweis) betrifft, so ist mir dieses amerikanische Märchen noch nirgends begegnet. Und wenn, hätte es mich stutzig gemacht. Es scheint mir völlig unwahrscheinlich und realitätsfern, dass sich jemand dreißig Jahre lang an ein 1979 formuliertes Ziel hält. Was da alles dazwischen liegt: Ronald Reagan, der Fall der Berliner Mauer, Internet, Email, Mobiltelefon, Credit Crunch und eine Orgie von Insolvenzen – um nur ein paar Punkte zu nennen.

Ich habe mich schon lange von Langzeitzielen verabschiedet und setze mir jeden Monat neue. Davon bleiben “Vorstellungen” oder “Visionen” natürlich unberührt. Vieles lasse ich mit Bedacht unausgesprochen (unverzielt), denn die Dinge brauchen Zeit, sich zu entwickeln.

Hat man auch “ein Ziel” erreicht, wenn man es vorher nicht formuliert hat?

:-)

Beste Grüße
Volker Remy

5 Ivan Blatter 22. Juni 2009 um 15:33

@Volker Remy:
Natürlich kann ich keinen Nachweis zu der von mir “zitierten Langzeitstudie” (die ich ja gar nicht zitiert habe…) geben, da sie ja nie durchgeführt wurde. Das ist ja der Witz am ganzen Artikel.

Ansonsten halte ich Ihre Strategie, monatlich neue Ziele zu setzen, für sehr sinnvoll.
Langfristigere Ziele als Jahresziele finde ich auch nicht sinnvoll. Das fällt für mich eher in den Bereich der Visionen, die ich durchaus auch habe (auch schriftlich!).

6 Thorsten 15. Juli 2009 um 19:31

Das wundersame an den Urban Legends ist ja, dass sie länger Leben als alle Studien die ich so kenne. Und seltsamerweise scheint niemand den Gegenbeweis antreten zu wollen. Zu tief sitzen solche Geschichten in den Köpfen. Da sieht man mal wieder wie leicht wir alle zu manipulieren sind. Und danke für Deine Aufklärung dieser Legende. Werde ich sicherlich auch irgendwann mal als Beispiel einbauen.
Gruss aus Köln,
Thorsten.

7 Falk Richter 19. Januar 2010 um 16:02

Mich wundert es, dass im Zusammenhang mit der Wirkung von Zielen eine solch alte Studie zitiert wird.

Kein Witz ist die Zielsetzungstheorie von Locke und Latham (1990, 2002), die etwas ausgefeilter ist und aufgrund einer Vielzahl von Studien, in Metaanalysen zusammengefasst, entwickelt wurde.

Demnach führen Ziele zu besseren Leistungen, wenn sie
- anspruchsvoll (aber erreichbar) sind,
- konkret formuliert,
- nicht zu komplex bzw. wenn komplex, dann in Teilziele zerlegt sind
- von der betroffenen Person akzeptiert, nicht nur vorgegeben worden sind,
- und wenn ein regelmäßiges Feedback erfolgt.

In der BWL wird das Ganze gern mit der Abkürzung “SMART” auf den Punkt gebracht: Spezisch Messbar Akzeptabel Realistisch Terminiert.

8 Ivan Blatter 20. Januar 2010 um 06:45

@Falk Richter: Danke für den Hinweis auf Locke und Latham!
SMART ist mir durchaus bekannt und ich setze es in meinen Seminaren auch ein. Ich habe übrigens auch schon mal darüber geschrieben: http://www.blatternet.ch/2007/11/08/ziele/ :-)

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