
photo by raspberrytart
Es gibt eine Geschichte von einem alten Mann, der ständig von ein paar Kindern geärgert wurde. Mit der Zeit ging ihm das ziemlich auf die Nerven, aber er hatte eine Idee. Als er die Kinder das nächste Mal wieder sah, sagte er zu ihnen:”Wenn ihr morgen wieder kommt und mich ärgert, dann gebe ich jedem von euch 1 Fr.”. Die Kinder sind natürlich am nächsten Tag wieder gekommen und haben ihn geärgert und aufgezogen. Da sagte er zu ihnen: “Wenn ihr morgen wieder kommt, dann gebe ich jedem von euch 50 Rappen.”. Auch am nächsten Tag standen die Kinder wieder da und haben alle Register gezogen. Nun aber sagte der Mann: “Wenn ihr morgen wieder kommt und mich ärgert, dann gebe ich jedem von 20 Rappen.” Die Kinder aber antworteten: “Ach nöö, für so wenig Geld machen wir das nicht.” Und der Mann hatte wieder seine Ruhe.
Ich weiss nicht mehr, wo ich die Geschichte schon überall gehört habe. Ich meine aber, dass sie Nicola Fritze in ihrem Podcast erzählt und dass sie auch bei Reinhard K. Sprenger in seinem Buch “Mythos Motivation” zu finden ist. Auf alle Fälle zeigt sie sehr schön auf, wie man Menschen demotivieren kann. Sobald die Kinder nämlich die Belohnung für “normal” hielten, waren sie nicht mehr bereit, die gleiche “Aufgabe”, die sie anfangs kostenlos erledigt hatten, für weniger Geld zu erledigen. Der Witz an der Geschichte ist der, dass die Kinder ursprünglich sich selbst zu den Streichen motiviert hatten. Sie waren intrinsisch motiviert, wie die Psychologie sagt. Das bedeutet, dass der Anreiz, etwas zu tun, alleine aus ihrem Innern kam und nicht von aussen. Den Kindern hat weder jemand befohlen, den Mann zu ärgern, noch hat ihnen (zuerst) jemand eine Belohnung versprochen. Der Mann hat das ganz genau gewusst. Und er wusste auch, wie zu reagieren. Er hat nämlich versucht, ihre intrinsische Motivation zu ersetzen und den Ersatz anschliessend immer weniger wertvoll zu machen. Oder: Er hat ihre intrinsische Motivation durch eine extrinsische Motivation ersetzt. Jetzt waren die Kinder nicht mehr primär aus sich selbst motiviert, sondern von aussen, nämlich durch das Geld. Durch die wiederholte Motivation von aussen wurde die Motivation von innen einfach ersetzt. Der Mann musste schliesslich den Betrag nur noch so lange verringern, bis er eine Schwelle unterschritten hatte, wo für die Kinder der Anreiz, ihn zu ärgern, nicht mehr gross genug war.
Das heisst aber auch, dass alleine ein Anreiz von aussen nicht langfristig motivieren kann. Vermutlich hätten die Kinder bald auch aufgehört, wenn sie jeden Tag 1 Fr. bekommen hätten. Irgendwann wären sie nicht mehr motiviert genug gewesen, den Mann für 1 Fr. zu ärgern. Wenn es ihnen jedoch gelungen wäre, ihr inneres Feuer am brennen zu halten, würden sie den Mann noch heute ärgern – auch wenn er die Zahlungen ganz eingestellt hätte. Oder in den Wort von Antoine de Saint-Exupéry:
“Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben, und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.”

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